Frank Furedi

Sociologist, commentator and author of Culture of Fear, Where Have All The Intellectuals Gone?, Paranoid Parenting, Therapy Culture, and On Tolerance: In Defence of Moral Independence.
 
       
 

„Keiner wagt mehr etwas“
Angstforscher Frank Furedi über tatsächliche Gefahr, empfundene Bedrohungen und darüber, warum wir ohne Bereitschaft zum Risiko nicht von der Stelle kommen.

Herr Furedi, leben wir heute in bedrohlicheren Zeiten als früher?

Angst ist ein großes Thema geworden. Es gibt geradezu ein inflationäres Bedrohungsempfinden ...

..., das realen Bedrohungen zu entsprechen scheint: die Klima-Katastrophe, das Bildungsdesaster, das drohende Zerbrechen des Euro.

Tatsächliche Gefahr und empfundene Bedrohung sind zweierlei. Es ist zu einem kulturellen Phänomen geworden, wie wir uns ängstigen. Uns wird signalisiert: Es ergibt Sinn, bei einem neuen Problem die schlechtest mögliche Entwicklung zu erwarten. Dabei ist es egal, ob es um die Weltwirtschaft geht, um den Terrorismus oder um unsere Gesundheit.

Wir sehen also eher die Risiken als die Chancen?

Wir haben den Begriff Risiko neu definiert. Mein Vater sagte früher zu mir: Frank, das ist ein echt gutes Risiko, das kannst du wagen. Heute ist Risiko negativ besetzt. Wer wagt, gewinnt nicht mehr. Er verhält sich unmoralisch, weil er die Auswirkungen seines Handelns auf die Zukunft der Menschheit nicht bedenkt.

Woran erkennen Sie das?

Nach dem 11. September 2001 sprach der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nicht nur von der Angst vor dem Unbekannten, sondern vor dem unbekannten Unbekannten - also von der Gefahr durch etwas, von dem wir noch gar nicht wissen, dass wir es nicht wissen. In dieser Logik wäre Kolumbus niemals auf See Richtung Westen aufgebrochen.

Das wiederum droht unsere Gesellschaft zu paralysieren?

Fortschritt ist ohne Risikobereitschaft undenkbar. Unsicherheit kann aufregend sein, inspirierend. Ältere Menschen sehen das naturgemäß anders. Unsere Gesellschaften ähneln in ihrer Angst vor dem Unbekannten zunehmend einer Ansammlung von Pensionären.

Wir leben allerdings in Zeiten, in denen sich sehr viel verändert: das weltpolitische Kräftegleichgewicht, die Globalisierung, die technologische Revolution. Ist Angst hier zunächst einmal eine ganz natürliche Reaktion?

Auch früher gab es in der Geschichte schon Phasen, in denen sich die Dinge derart rasant verändert haben. Denken Sie an die Vereinigung Deutschlands im 19. Jahrhundert oder an die Industrialisierung. Nur sind wir heute eben von einer folgenschweren Hypersensibilität gegenüber Veränderungen geprägt.

Ein Beispiel?

Nehmen Sie nur das Auftauchen einer neuen Grippe. Es ist nicht einfach eine Grippe, sondern gleich eine Epidemie. Oder der Terrorismus. Wir geben Milliarden für Sicherheit aus, auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines terroristischen Angriffs sehr gering ist. Angst ändert unser Leben. Mit Blick auf die Wirtschaft ist dieser Zusammenhang noch stärker.

Warum?

Weil die verängstigten Reaktionen der Akteure auf die Finanzkrise direkte Auswirkungen auf die Finanzmärkte selbst haben. Deshalb ist die Lage so festgefahren.

Ist das nicht ein bisschen zu einfach?

Auf den Finanzmärkten zeigt die Kultur der Angst ihre zerstörerische Wirkung ganz unmittelbar. Auch wenn es Sie erstaunen wird: Die Bankenkrise ist das Ergebnis von risikoaversem Handeln. Ausgangspunkt war die Erfindung neuer Finanzprodukte, mit denen Banker die Risiken ihres Geschäfts zu minimieren suchten. Die Risikoaversion machte die Menschen erfinderisch und bewirkte am Ende das Gegenteil.

Sie sprechen von einer Kultur der Angst. Wie ist dieses beängstigende Phänomen entstanden?

In den späten siebziger Jahren erlebten wir eine pessimistische Neubewertung des menschlichen Daseins - zunächst in Bezug auf die Umwelt und ihre vermeintliche Zerstörung. Immerzu war von Risiken die Rede, die menschliches Handeln mit sich bringe. Der Mensch gilt seit dieser Zeit als sein eigener größter Feind. Wir haben Angst vor uns selbst.

Warum hat dieser Paradigmenwechsel seinerzeit stattgefunden?

Weil Menschen damals eine Vielzahl von Enttäuschungen verkraften mussten - zum Beispiel, dass der Kommunismus nicht die bessere Gesellschaft schafft, dass der Wohlfahrtsstaat westlicher Provenienz an seine Grenzen stößt oder dass der Liberalismus sehr viel Unsicherheit mit sich bringt. In dieser Zeit verschwand das menschliche Urvertrauen in eine positive Zukunft.

Und wich dem Glauben, dass die Zukunft schlechter wird?

Wir haben die Fähigkeit verloren, Risiko aus einer experimentellen Perspektive zu betrachten. Das Ergebnis ist eine fatalistische Gesellschaft, die nicht glaubt, dass sie ihre eigenen Probleme lösen kann.

Gilt das auch für die Politik?

Politik agiert nicht mehr. Sie konzentriert sich darauf, das Angstempfinden zu bedienen. Die linken Parteien schüren Verteilungsängste, die grünen Parteien die Furcht vor Umweltzerstörung und die rechten vielleicht die Sorge vor Überfremdung. Alle eint der Unwille, die Zukunft positiv zu sehen. Die Kultur der Angst hat längst eine bestimmte Art von Politikern hervorgebracht, die lieber nichts entscheiden, ungern Verantwortung übernehmen und sich nach allen Seiten absichern. Damit löst man kein Problem und schon gar nicht die europäische Schuldenkrise. Risikoaversion ist die Vorstufe zu Verantwortungsaversion. Denn die Übernahme von Verantwortung ist immer riskant.

Dann hat die Angst auch Politiker zu Fatalisten werden lassen?

Sie agieren oft nach der Devise: Es gibt keine Alternative - weder zum Euro noch zum Verzicht auf den Fleischverzehr. Der Effekt ist eine inhaltliche Entleerung. In der Krise geht es nur noch darum, ob Länder sparen sollen und unter welchen Bedingungen sie Geld bekommen. Niemand diskutiert darüber, wie wir unsere Wirtschaft neu organisieren könnten, um der Probleme Herr zu werden. In Griechenland wird das deutlich. Sie sollten darüber diskutieren, wie bei gegebener Finanzknappheit die Wirtschaft wieder aufgebaut werden kann. Nichts davon findet statt.

Warum hat sich die Angst derart verselbständigt?

Lehnt man Unsicherheit ab, wird Angst zu einer natürlichen Verhaltensweise. Der Umgang mit Unsicherheit ist auch Symptom einer moralischen Malaise: Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens mehr darüber, was moralisch richtig oder verwerflich ist. Umso unbedenklicher werden moralische Urteile vor dem Hintergrund unserer Angst gefällt. Denken Sie an die Verdammung von Junkfood, die Geißelung der Übergewichtigen. Hier wird die moralische Keule geschwungen: Dicke Menschen handeln verantwortungslos - für Umwelt und Gesellschaft. In einer Kultur der Angst werden Menschen moralisch stigmatisiert - ein gefährliches Phänomen.

Werden auch Sie von Ängsten geplagt?

Überhaupt nicht - einmal abgesehen von der Sorge, dass wir unserer derzeitigen Probleme nicht Herr werden, weil uns die Kultur der Angst derart in den Würgegriff genommen hat.

Das Gespräch führte Inge Kloepfer.

Frank Furedi, Jahrgang 1947, ist Angstforscher und Soziologe an der University of Kent.

First published by Frankfurter Allgemeine, 11 August 2012